|




Autor:
Dr. Thu-Danh Tran, Neuenkirchen
Vörden
Neben
der Ketose ist Milchfieber (Gebärparese) die bekannteste Stoffwechselerkrankung
bei hochleistenden Milchkühen. In manchen Betrieben erkranken bis
zu 70 % der abkalbenden Kühe (zt. Malz/Meyer, 1993). Zur Vorbeuge
gegen diese Erkrankung ist eine Reihe von Massnahmen bekannt, die mit
der Fütterung der trockenstehenden Kühe im Zusammenhang steht.
Hiervon erweist sich in den letzten Jahren die Zufütterung von
anionischen Salzen an trockenstehende Kühe als eine wirkungsvolle
Vorbeugemassnahme
gegen Milchfieber, die im folgenden beschrieben wird.
Milchfieber
Klassische Vorbeugemassnahmen
Neue Erkenntnisse
Elektrolytenbalance (DCAD)
Rationsberechnung und Anionenausgleich
Für eine erfolgreiche
Anwendung des DCAD-Konzeptes ist zu beachten
Praktische Anwendung
Milchfieber
Das Milchfieber, welches durch Mattigkeit/Teilnahmslosigkeit,
Bewegungsstörungen mit schaukelndem, schwankendem Gang und im weiteren
Verlauf durch Festliegen bzw. Bewusstseinstrübung gekennzeichnet ist,
kommt oft vor allem bei Hochleistungsrindern mit zunehmender Anzahl
an Abkalbungen vor. Milchfieber wird ausgelöst durch Störungen des Calcium-,
Phosphor- sowie Vitamin D- und Skelettstoffwechsels. Hierbei ist die
Mobilisierbarkeit der an sich reichlichen Knochenreserven an Ca (und
P) ungenügend, was dann bei hohen Anforderungen/Milchleistungen zum
lebensbedrohlichen Abfall des Blutcalciumspiegels führt.
Klassische
Vorbeugemassnahmen
Das klassische Ziel zur Vorbeuge gegen Milchfieber
ist darauf ausgerichtet, die mit ihrem Parathormon für den Ca-Stoffwechsel
verantwortliche Nebenschilddrüse während der Trockenzeit richtig zu
trainieren und somit das Ca aus den Knochen beim Einsetzen der Milchsekretion
nach der Geburt zügig zu mobilisieren. Hierzu kann u.a. die knappe Versorgung
mit Ca in der Trockenstehzeit (erstrebenswert max. 25g/Tier/Tag; in
der Praxisempfehlung bis max. 40 g/Tier/Tag) und die Einhaltung eines
Ca:P-Verhältnisses von ca. 0,6:1 (frühere Angabe von 1:3 bis 1:10) empfohlen
werden.
zurück
Neue Erkenntnisse
- Der
Effekt einer Ca-armen Diät auf das Auftreten von Milchfiebererkrankungen
war zwar erwiesen, beschränkte sich jedoch auf einen geringen Ca-Zufuhrbereich
von nur 15 bis 25 g/Tier/Tag (Jönsson, 1979). Derart niedrige Ca-Gehalte
im Futter sind unter den landwirtschaftlichen Bedingungen in europäischen
Ländern einschliesslich Deutschland schwer zu erreichen (nach Berechnungen
von Futterrationen für Trockensteher beträgt die Ca-Aufnahme durchschnittlich
48,39 ± 4,20 g/Tier/Tag). Ferner muss das Risiko von Skelettveränderungen
bei Fütterung einer extrem Ca-armen Diät in Betracht gezogen werden.
- Die
Ca-Aufnahme von 35 bis 40g Ca je Tier/Tag reduzierte das Auftreten
von Milchfieber (59%) nicht mehr als die Aufnahme von 75 g Ca je Tier/Tag
(50,7% ± 17,8). Bei der Gruppe mit hoher Ca-Zufuhr von 150 g Ca je
Tier/Tag traten sogar in einem Durchgang weniger Krankheitsfälle (35%)
auf, dieser Anteil erhöhte sich aller-dings beim 2. Durchgang (74%).
Insgesamt gesehen erkrankten somit in allen Gruppen nahezu gleich
viele Tiere an Milchfieber. Das Verhältnis der Ca-Aufnahme zur Milchfieberproblemematik
ist somit wenig deutlich. Die Aufstellung einer Beziehung zwischen
dem Parathormonspiegel und dem Ca-Gehalt im Serum zeigte auch, dass
eine tägliche Ca-Zufuhr von 37 bis 150 g keinen oder nur einen geringen
Einfluss auf die Nebenschilddrüsentätigkeit hat-te (Jönsson, 1979).
- Futter
mit hoher Alkalität (Rüben) stellte einen prädisponierenden Faktor
für die Entstehung des Milchfiebers dar, während "saures" Futter oder
besser Futter mit geringer Alkalität (mit HCl/H2SO4 konservierte Grassilage)
eine vorbeugende Wirkung hatte (Enders u.a., 1970; zt. Jönsson,1979).
- Die
Alkalität der Ration oder besser die Elektrolytenbalance in der Ration,
ausgedrückt in Milliäquivalent (meq) als "Kation-Anion-Differenz im
Futter" (Dietary Cation-Anion Difference = DCAD), berechnet aus [(Na+K)
- (Cl+S)], zeigte mit r=0,330 eine enge Korrelation zur Häufigkeit
des Milchfieberauftretens (gegenüber der Korrelation zwischen Ca und
Milchfieber mit r=0,233; Auswertung aus 75 Versuchen mit insg. 1165
Kühen; Oetzel, 1991). Von Interesse ist, dass unter den genannten
Elektrolyten Schwefel (ein sehr starkes Anion) - und nicht Ca- die
mit Milchfieber am höchsten korrelierte Variable war (r= -0,425).
Die Erhöhung des S-Gehaltes von 0,1 auf 0,25% i.d.TS führte zu einer
linearen Reduzierung der Milchfieberhäufigkeit und von 0,25 auf 0,35%
i.d.TS zu einer kurvenlinearen Reduzierung. Auch im Gegensatz zur
althergebrachten Meinung bestand zwischen dem P sowie Ca/P-Verhältnis
und dem Auftreten des Milchfiebers keine Beziehung (Oetzel, 1991/1993).
zurück
Elektrolytenbalance
(DCAD)
Aus mehreren Untersuchungen ergibt sich, dass die
Anzahl der Fälle von Milchfieber durch die Senkung der DCAD in der Trockensteherration
(Zufügung von Cl und/oder S) gesenkt werden kann (Tabelle 1):
| Tabelle 1 Wirkung
von DCAD auf das Auftreten von Milchfieber |
| DCAD (meq/100gTS) |
Kriterien |
Referenz |
-25 vs +5 bei
Ca von 0,92 bis
1,81% i.TS |
Reduzierung des klinischen
Milchfiebers um die Hälfte, besonders in der 3. und höheren Laktationen;
Verminderung der Hypocalcämiehäufigkeit und Verbesserung der Milchleistung
|
Beede, 1992/1994 |
-12,05 vs
+33,02 |
Reduzierung der Milchfieberhäufigkeit
von 47% auf 0%. |
Block, 1984 |
-11,9 bzw.-2,2
vs
+34,6 bei hoher
Ca-Aufnahme |
Vorbeuge gegen
Milchfieber in 92% der Fälle |
Dishington
zt.Block, 1991 |
| -7,5 vs +18,9 |
Minderung der Milchfieberhäufigkeit
von 17 auf 4% |
Oetzel u.a., 1991 |
| -10,3 vs 25,8 |
Reduzierung des Auftretens
des Milchfiebers von 4/9 auf 1/9 |
Oetzel u.a., 1991 |
| -10 bis -15 |
optimaler Bereich in der
Gesamtration für die Milchfiebersenkung |
Byers zt.West, 1993 |
Die Wirkungsweise der negativen DCAD auf die Reduzierung
der Milchfieberfälle ist noch nicht restlos geklärt. Als mögliche Erklärungen
hierfür sind angegeben:
- Die Verabreichung von negativ geladenen Ionen
(Cl-, S04--) bewirkt sytematisch die Bildung von positiv geladenen
Ionen (H+, Ca2+) zur Aufrecherhaltung der elektrischen Neutralität
im Organismus.
- Die Erhöhung der H+-Ionen infolge der negativen
DCAD führt zu einer milden metabolischen Acidosie (Absenkung des Blut-pH-Wertes),
die die Bildung von Parathormon und 1,25 Dihydroxy Vi-tamin D3 sowie
die Ansprechbarkeit des Knochens zur Ca-Freisetzung fördert (Gaynor
et al., 1989; Block, 1991; Beede, 1992)
- Zur Gegensteuerung der metabolischen Acidose
bzw. zur Wiederherstellung des physiologisch normalen Blut-pH-Wertes
wird Carbonat (CO3--/HCO3-) benötigt, das u.a. zusammen mit Ca (und
P) bei der Knochenmobilisierung freigesetzt wird. Folge ist eine Erhöhung
der Ca-Konzentration im Plasma (Block, 1991; Tucker et al., 1991;
Beede, 1992).
- Im Darmtrakt stimuliert die Fütterung anionreicher
Rationen die Ca-Absorption bei Milchkühen in Verbindung mit einer
erhöhten Ca-Ausscheidung über den Harn (Lomba et al., 1978; Tucker
et al., 1991; Schonewille et al., 1994).
All diese Vorgänge geschehen ununterbrochen und
wiederkehrend, solange dem Tier Rationen mit negativer DCAD verabreicht
werden. Positive Folgen im Hinblick auf Milchfieber sind die Aufrechterhaltung
einer ausreichenden Ca-Konzentration im Blut und die Bereitstellung
der physiologischen Körpersituation zur Ca-Mobilisierung aus dem Skelett
sowie zur Ca-Resorption aus dem Darm. Darüber hinaus sind positive Wirkungen
einer negativen DCAD auf die nachfolgende Milchleistung, Reproduktionsleistung
(Trächtigkeitsrate, Rastzeit (= Zeitraum zwischen Kalbung und "Erstbesamung")),
Nachgeburtverhaltung sowie Euterödem beschrieben worden (Block, 1991;
Beede, 1992/1994; West, 1993).
zurück
Rationberechnung
und Anionenausgleich
Für eine vollständige Elektrolytenbalance sind mehrere
Elemente - Kationen (wie Na, K, Ca, Mg) und Anionen (wie Cl, S/SO4,
P/PO4) sowie Protein/Aminosäuren -, die alle Einfluss auf das Säure-Base-Gleichgewicht
haben, zu berücksichtigen. Infolge der Unzulänglichkeiten hinsichtlich
der Verwertbarkeit dieser Elemente, aber auch aufgrund der statistischen
Regressionseignungsprüfungen (Oetzel, 1991) werden für die Berechnung
der DCAD bei den Trockenstehkühen hauptsächlich nur die Kationen Na+K
und die Anionen Cl+S nach fol-gender Gleichung herangezogen:
DCAD (meq/100g) = (43,5*%Na
+ 25,6*%K) - (28,2*%Cl + 62,3*%S)
Die Berechnung der Trockenstehrationen aus Grassilage,
Maissilage, Heu/Gerstenstroh mit dieser Gleichung ergibt einen DCAD-Durchschnittswert
von +13,3 ± 2,5 meq/100gTS (n=12). Um eine optimale negative DCAD von
-10 bis -15 meq/100gTS zu erreichen, können verschiedene acidogene Substanzen
einzeln bzw. in Kombination eingesetzt werden, z. B.:
- Magnesiumsulfat (MgSO4·7H2O)
- Calciumchlorid (CaCl2·H2O)
- Calciumsulfat (CaSO4·2H2O)
- Ammoniumchlorid (NH4Cl)
- Ammoniumsulfat ((NH4)2SO4)
- Magnesiumchlorid (MgCl2·6H2O)
- Aluminiumsulfat (Al2(SO4)3)
zurück
Für eine erfolgreiche
Anwendung des DCAD-Konzeptes ist zu beachten:
- Fütterungsdauer
für acidogene Rationen (mit neg. DCAD) ist mind. 10 Tage. Für die
Praxisfütterung wird oft eine Dauer von 3-4 Wochen empfohlen.
- Ein Übermass an Cl und S
kann zur Übersäuerung des Blutes führen. Der maximal tolerierbare
Grenzwert für S in der Gesamtration beträgt 0,4%.
- Probleme der Futteraufnahme
bei Rationen mit niedrigem DCAD, da acidogene Salze geringe Akzeptanz
haben und von Kühen ungern aufgenommen werden. Die Höchstgrenze für
zugesetzte Anionen soll im Bereich von 3000 meq/Tier/Tag (~30 meq
von Cl+S/100 g Rations-TS) liegen. Diesbezüglich ist Magnesiumsulfatzusatz
zum Kraftfutter geschmacklich besser als Ammoniumsulfat, Ammoniumchlorid
oder Calciumchlorid (Oetzel/Barmore, 1991). Eine langsame Gewöhnung
der Tiere an die Anionenmischung ist erforderlich.
- Im Gegensatz zur herkömmlichen
Empfehlung (wenig Ca in der Trockenzeit) zeigt sich, dass bei Rationen
mit negativem DCAD die Ca-Gabe von 180-210 g/Tier/Tag (und P= 40-50
g/Tier/Tag) wäh-rend der Trockenperiode keine negativen Auswirkungen
hervorruft. Beim Einsatz von negativer DCAD ist sogar eine hohe Ca-Aufnahme
von 150-180 g/Tier/Tag (~ 1,5-1,8% Ca in der TS; Beede, 1992; Oetzel,
1993) empfehlenswert. Diesbezüglich gibt es in der Literatur gegensätzliche
Meinungen. Nach Schonewille et al.(1994) soll weiterhin ein möglichst
niedriger Ca-Gehalt zwecks Verbesserung der Ca-Absorption eingehalten
werden (diese Schlussfolgerung kommt jedoch aus Versuchen mit nichtträchtigen
Tieren).
- Ausreichende Mg-Versorgung
(bis zu max. 0,4%) muss bereitgestellt werden, da eine suboptimale
Mg-Konzentration im Blut nega-tiv auf die Ca-Mobilisierung aus dem
Knochen wirkt (zt. Beede, 1992).
- Beim Einsatz von Ammoniumverbindungen
soll das Problem des NPN (Nicht-Protein-Stickstoff) beachtet werden
und der Anteil des abbaubaren / nichtabbaubaren Futterproteins muss
evtl. bedarfsgerecht korrigiert werden (das N-Äquivalent des gesamten
NPN in der Ration-TS <0,50% bzw. der abbaubare Futterproteinanteil
< 70% des gesamten Proteins).
- Die DCAD in der Laktation
spielt eine weniger wichtige Rolle und muss viel höher sein als im
Trockenstand (Tucker et al., 1991), vor allem zu Beginn der Laktation.
Eine Umstellung der Ration auf eine positive DCAD hin ist gleich nach
dem Abkalben erforderlich.
zurück
Praktische Anwendung
- Je nach Zusammensetzung der Ration und deren
Mineralstoffgehalten kann DCAD nach der oben dargestellten Gleichung
berechnet werden. Die Differenz zwischen diesem berechneten Wert und
dem Sollwert (-10 bis -15 meq/100gTS) wird durch den Einsatz von o.g.
acidogenen Salze ausgeglichen.
- Eine Gewöhnung der Tiere an die acidogenen Salze
ist erforderlich (Anfütterung am 1. Tag nur mit 1/4 der erforderlichen
Menge, am 2.Tag mit 2/4, am 3. Tag mit 3/4 und erst danach mit voller
Menge). Die Zufütterungsdauer erfolgt ca. 3-4 Wochen vor dem Abkalben.
Für eine erfolgreiche Anwendung des DCAD-Konzeptes sollten weiterhin
bei der Rationsgestaltung die Anforderungen hinsichtlich der Gehalte
an Ca, Mg, S sowie NPN (wie oben dargestellt) beachtet werden.
Haben Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Thema,
wenden Sie sich an Dr. Thu-Danh Tran. (TDTran@Vilomix.com)
|